Wegzugssteuer Deutschland: alle Infos

Mit der Wegzugsteuer sichert sich die Bundesrepublik Deutschland fiktive Steuereinnahmen, die ihr durch den Wegzug von Anteilseignern an Kapitalgesellschaften zu einem späteren Zeitpunkt (nach der Auswanderung, dem möglichen Verkauf der Anteile und Verlust der Steuerpflicht in Deutschland) entgehen würden. Es handelt sich entsprechend um einen Teil der Einkommensteuer.

Lex Horten: Ursprung der Wegzugssteuer

Beim Ursprung hatte die Wegzugsteuer in einer Begebenheit im Jahr 1968. In diesem Jahr verlagerte Helmut Orten, seines Zeichens deutscher Unternehmer und Aktionär der Horten AG, einem deutschen Warenhauskonzern, seinen Privatwohnsitz in die Schweiz. Seine Anteile und Aktiengesellschaft verkaufte er später für über eine Milliarde D-Mark. Dieser Veräußerungsgewinn konnte aber mangels Wohnsitz weder in Deutschland, noch in der Schweiz versteuert werden. Eine steuerpolitische Debatte war entfacht, die in der Verabschiedung des Außensteuergesetzes vom 08.09.1972 gipfelte, das man heute auch unter dem Begriff “Lex Horten” kennt.

Allerdings gab es auch zuvor bereits Gesetze, die eine “Steuerflucht” bekämpfen sollten: so zum Beispiel das Gesetz gegen die Steuerflucht von 1918 sowie die Reichsfluchtsteuer von 1931. 

Verschärfung der Wegzugssteuer im Jahr 2022

Seit 2022 gilt eine reformierte und deutlich verschärfte Regelung zur Wegzugssteuer gem. § 6 AStG (Außensteuergesetz). Statt der Option zur zinslosen Stundung ohne Sicherheitsleistung bis zur Veräußerung bzw. der Realisation von einigen Ersatztatbeständen greift die Wegzugsteuer nun sofort. Diese wird auf den fiktiven Gewinn durch Veräußerung der Anteile an einer Kapitalgesellschaft erhoben. 

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Die Wegzugssteuer betrifft alle in Deutschland unbeschränkt steuerpflichtigen natürlichen Personen, die mindestens ein Prozent der Anteile einer Kapitalgesellschaft (GmbH, AG, OHG) besitzen, sofern diese unbeschränkte Steuerpflicht in Deutschland durch einen Wohnsitzwechsel endet.
  • Es spielt keine Rolle, ob die Kapitalgesellschaft ihren Sitz in Deutschland oder dem Ausland hat.
  • Auch ist es unerheblich, ob der Wegzug ins EU-Ausland oder einen Drittstaat erfolgt. 
  • Damit die Wegzugsbesteuerung greift, muss die betroffene Person während der vergangenen zwölf Jahre mindestens sieben Jahre in der Bundesrepublik Deutschland unbeschränkt steuerpflichtig gewesen sein. 
  • Wer dem Finanzamt eine Rückkehrabsicht innerhalb der nächsten sieben oder auf Antrag zwölf Jahre vermitteln kann, hat die Möglichkeit, sich von der Steiner befreien zu lassen.
  • Bei einer späteren Rückkehr nach Deutschland, kann die zuvor gezahlte Wegzugssteuer erstattet werden, sofern während dieser Zeit keine Anteile verkauft wurden.
  • Die Wegzugsteuer muss nicht auf einen Schlag gezahlt, sondern kann in sieben Jahresraten beglichen werden.

Berechnung der Wegzugssteuer

  • Bei der Kalkulation wendet die Finanzbehörde das vereinfachte Ertragswertverfahren an. Hierbei wird der durchschnittliche Gewinn der vergangenen drei Geschäftsjahre mit dem Faktor 13,75 multipliziert. Nun werden die Anteile herausgerechnet. Vom kalkulierten Betrag unterliegen 60 Prozent der Einkommensteuerpflicht. Wie hoch die Einkommensteuer ausfällt, hängt vom Gesamteinkommen der natürlichen Person / des Gesellschafters bzw., Aktionärs ab. 

Beispielrechnung

Der Gewinn einer GmbH im Jahr 2020 betrug 100.000 Euro, im Jahr 2021 120.000 Euro und im Jahr 2022 150.000 Euro. Der durchschnittliche Gewinn dieser drei Jahre liegt entsprechend bei gerundet 123.333 Euro. Nach der Multiplikation mit dem Faktor 13,75 erhalten wir einen angenommenen Firmenwert von rund 1.695.828 Euro. 

Die betroffene Person hält 50 % der Anteile der GmbH und wandert nun aus - zum Beispiel in die Schweiz. Entsprechend setzt der Fiskus 50 % des Firmenwertes als Berechnungsgrundlage an: 847.914 Euro. 

Hiervon unterliegen dann 60 % der Einkommensteuerpflicht. Legen wir einmal 42 % Spitzensteuersatz zugrunde, würden 42% von 508.748 Euro Wegzugsteuern anfallen. Das wären dann rund 213.674 Euro.

Wegzugssteuer umgehen: die Möglichkeiten

Schenkung

Eine gute Möglichkeit, die Wegzugssteuer zu umgehen, ist die Schenkung der Anteile an eine andere Person - zum Beispiel im Rahmen einer grundlegend geplanten Nachfolgereglung. Wichtig: Hierbei wird gegebenenfalls Schenkungssteuer fällig. 

Verkauf der Anteile

Auch ein tatsächlicher Verkauf der Gesellschaftsanteile wäre eine Lösung. Denn so erhalten Sie tatsächlich das Kapital, auf das Steuern entfallen. Steuern müssen natürlich trotzdem gezahlt werden.

Auflösung der Firma

Eine weitere Möglichkeit wäre die Liquidation der Kapitalgesellschaft in Deutschland. Das Gesellschaftskapital, das nicht durch offene Verbindlichkeiten “geblockt” ist, wird ebenso wie das Stammkapital an die Gesellschafter transferiert. Beachten Sie jedoch, dass sämtliche stillen Reserven nun zu versteuern sind.

Einstellen der Geschäfte und Neugründung

Eine wertlose GmbH, die in den letzten drei Jahren keinen oder keinen signifikanten Gewinn erwirtschaftet hat, führt logischerweise nicht zur Erhebung einer relevanten Wegzugssteuer.

Übertragung der Anteile an Stiftung

Oftmals lassen sich die Steuern deutlich minimieren, wenn die Anteile an der Gesellschaft auf eine Stiftung übertragen werden. Zudem wäre eine Umwandlung der Anteile in Betriebsvermögen möglich.

Umwandlung in Personengesellschaft

Die Umwandlung der Kapitalgesellschaft in eine Personengesellschaft kann möglich sein, führt in manchen Fällen aber zu anderen steuerrechtlichen Problemen. Wir empfehlen Ihnen, sich in diesem Zusammenhang kompetent beraten zu lassen.

Firmensitz verlagern? Keine Pauschallösung!

Auch die Verlegung des Firmensitzes ist nicht die Pauschallösung. Zum einen ist es egal, wo die Firma sitzt: Die Wegzugsbesteuerung wird trotzdem fällig - maßgeblich ist der Wohnort Deutschland und die Tatsache, dass die natürliche Person zum Zeitpunkt der Auswanderung an einer Kapitalgesellschaft beteiligt ist.

Folglich wäre die Lösung, die Firma in Deutschland zunächst auflösen und nach dem Umzug ins Ausland eine neue Firma gründen. Aber auch das ist nicht ganz ohne: Denn was für Einzelunternehmer und Freiberufler, die ohnehin nicht von der Wegzugsteuer betroffen sind, kein Problem ist, wird bei großen Kapitalgesellschaften, die als juristische Person zahlreiche Verträge geschlossen hat, ein ganz anderer Fall sein. Außerdem hängt bei vielen Firmen, die nicht gerade in der digitalen Wirtschaft agieren, sehr viel am Unternehmensstandort. Sie können schließlich nicht einfach eine Bäckereikette oder ein Handelshaus in Deutschland auflösen und dann in einem anderen Land neu gründen. Können Sie schon, aber Sie werden logischerweise nicht die gleichen (oder überhaupt) Kunden haben.

Firmensitzverlagerung dennoch interessant

Betrachten wir die Verlagerung des Firmensitzes nicht ausschließlich vor dem Hintergrund der Wegzugssteuer, sondern vor dem der grundlegenden Besteuerung von Unternehmen, kann sich die Verlagerung durchaus rechnen. Und es muss nicht zwingend Dubai sein - denn auch die Schweiz bietet im Vergleich zu Deutschland zahlreiche Steuervorteile für Unternehmen sowie die örtliche und kulturelle Nähe zur Bundesrepublik Deutschland.

> Firmensitz Deutschland vs. Schweiz: Unternehmenssteurn im Vergleich

Was passiert, wenn ich die Wegzugssteuer in Kauf nehme und auswandere?

Zunächst einmal zahlen Sie die Wegzugssteuer. Das kann - wie oben im Rechenbeispiel demonstriert - ganz schön ins Geld gehen. Aber sofern Sie sich bewusst dafür entscheiden, weil Sie beispielsweise nicht auf die weiteren Kapitalerträge aus Ihrer Firma verzichten möchten, sind folgende Aspekte für Sie interessant:

  1. Die Erträge aus der Kapitalgesellschaft (Ausschüttungen, Dividenden) werden für gewöhnlich weiter in Deutschland versteuert (Kapitalertragssteuer). 
  2. Beziehen Sie ein Gehalt, weil Sie bei Ihrer (eigenen) Firma in Deutschland angestellt sind, allerdings in der Schweiz wohnen, werden Sie in der Regel dort besteuert, wo Sie Ihre Tätigkeit ausüben. Dann kann letztlich auch in beiden Staaten der Fall sein.
  3. Wichtig ist, zu klären, ob ein Doppelbesteuerungsabkommen zwischen Deutschland und dem Staat, in den Sie auswandern wollen, vorliegt, um eine Doppelbesteuerung von Einkünften zu vermeiden. Zwischen Deutschland und der Schweiz gibt es ein solches Abkommen.

Tipp: Lassen Sie sich unbedingt steuerlich beraten. Pauschallösungen gibt es bei steuerrechtlichen Themen selten.

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Jasin Isik ist Schweiz-Experte und Geschäftsführer der SuisseKasse GmbH. In dieser Funktion berät er auch Auswanderwillige rund um die Themen Altersvorsorge, Vermögensplanung, Steuern und Beruf. 

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